Lerntheoretische Verhaltenstherapie
Übersicht
In der Lerntheorie werden nicht-assoziative Lernprozesse wie die Orientierung, die Habituation und die Sensibilisierung sowie assoziative Lernprozesse wie das klassische Konditionieren (Respondentes Lernen), das operante Konditionieren (Instrumentelles Lernen) und das soziale Lernen (Modelllernen) unterschieden.
Orientierung
Die Wahrnehmung eines unerwarteten Reizes löst bei einem Individuum eine Orientierungsreaktion aus. Die Orientierungsreaktion soll dem Organismus eine optimale Bereitschaft zur Aufnahme und Verarbeitung des Reizes ermöglichen.
Die Orientierungsreaktion bewirkt beim Individuum neben einer Hinwendung zur Reizquelle verschiedene körperliche Reaktionen wie z.B. eine Erhöhung des Muskeltonus, einen Erweiterung der kranialen und Verengung der peripheren Blutgefäße, eine Erniedrigung der Wahrnehmungsschwelle sowie einen kurzzeitigen Anstieg der elektro-dermalen Aktivität. In der EEG-Ableitung kann ein Alphablock auftreten.
Habituation
Wenn ein bestimmter Reiz wiederholt angeboten wird, geht die Orientierungsreaktion in die Habituation (Gewöhnung) über.
Die Habituationsprozesse können u.a. durch eine sehr hohe Aktivierung des Organismus (z.B. durch ausgeprägte Angst oder Traumatisierung) sowie durch eine sehr hohe oder sehr niedrige Reizintensität verlangsamt werden.
Sobald der Reiz in veränderter Form angeboten wird, kann eine erneute Orientierungsreaktion erfolgen (Dishabituation).
Sensibilisierung
Unter Sensibilisierung versteht man die erhöhte Reaktionsbereitschaft eines Organismus nach dem wiederholten Anbieten von aversiven Reizen. Die Sensibilisierung soll dem Organismus eine bessere Bewältigung von ggf. bevorstehenden weiteren aversiven Reizen ermöglichen.
Klassische Konditionierung (Respondentes Lernen)
Der Vorgang der klassischen Konditionierung wurde von I.P. Pawlow herausgearbeitet und beruht im Wesentlichen auf der These des bedingten Reflexes. Diese These postuliert, das es einerseits „natürliche“ (angeborene) Reflexe gibt, die so genannten unkonditionierten Reflexe, und dass es daneben durch Lernen erworbene Reflexe gibt, die so genannten konditionierten Reflexe.
Das Modell der Klassischen Konditionierung postuliert, dass ein ursprünglich neutraler Stimulus durch das gleichzeitige Anbieten eines unkonditionierter Stimulus (engl. unconditioned stimulus, UCS) zu einem konditionierten Stimulus (engl. conditioned stimulus, CS) werden kann.
Auf den unkonditionierten Stimulus reagiert ein Individuum mit einer angeborenen, unkonditionierten Reaktion (UCR). Durch die Verknüpfung des unkonditionierten Stimulus mit dem konditionierten Stimulus wird provoziert, dass auch der konditionierte Stimulus diese Reaktion hervorrufen kann, die dann konditionierte Reaktion (CR) genannt wird.
In Pawlows Experimenten zum Speichelfluss bei Hunden übernahm ein ursprünglich neutraler Stimulus (Klingelgeräusch) durch das gleichzeitige Anbieten eines unkonditionierten Stimulus (Futter) den Hinweischarakter des unkonditionierten Stimulus. Hierdurch wurde das Klingelgeräusch zum koditionierten Stimulus. Die unkonditionierte Reaktion (Speichelfluss) trat durch diesen Konditionierungsprozess auch beim Anbieten des Klingelgeräusches auf, als konditionierte Reaktion.
Operante Konditionierung (Instrumentelles Lernen)
Das operante Konditionieren (ursprünglich von Thorndike instrumentelles Konditionieren genannt) geht auf die Arbeiten von Edward Lee Thorndike zurück. Thorndike beschrieb in seinem „law of effect“, dass Individuen Handlungen, die zu einem befriedigendem Ergebnis führen, wiederholt einsetzen, während sie solche, die zu einem unbefriedigendem Ergebnis führen, im Verlauf ablegen. Thorndike entwickelte seine These insbesondere durch seine Versuche an Tieren, z.B. an Katzen, die für bestimmte Handlungen mit Futter „belohnt“ bzw. mit Nahrungsentzug „bestraft“ wurden.
Der amerikanische Psychologe B. F. Skinner setzte die Untersuchungen von Thorndike fort und übertrug die Ergebnisse in seinem 1953 erschienenen Werk „Science and Human Behaviour“ auf den Menschen. Für dieses Modell entwickelte er die Begriffe des operanten Verhaltens bzw. der operanten Konditionierung.
Weitere Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass sowohl positive Konsequenzen (positive Verstärkung) wie auch der Wegfall negativer Konsequenzen (negative Verstärkung) zu einer verstärkten Auftrittshäufigkeit eines bestimmten Verhaltens führen können – während demgegenüber negative Konsequenzen oder das Nicht-Eintreten von erwarteten positiven Konsequenzen die Auftrittshäufigkeit des Verhaltens reduzieren.
Dabei erwiesen sich die kontinuierliche Verstärkung als besonders günstig zum Aufbau eines neuen Verhaltens und die intermittierende Verstärkung als besonders löschungsresistent. Hieraus wurde gefolgert, das zum Aufbau und zur Festigung eines neuen Verhaltens zunächst eine kontinuierliche Verstärkung und im späteren Verlauf dann eine intermittierende Verstärkung eingesetzt werden sollten.
Weitere wichtige Untersuchungsergebnisse waren, dass beim Abbau eines unerwünschten Verhaltens der gleichzeitige Aufbau eines erwünschten Verhaltens hilfreich ist, und dass kurzfristige Konsequenzen verhaltenswirksamer sind als langfristige Konsequenzen.
Diskriminationslernen
Das Diskriminationslernen ist eine spezielle Form des operanten Lernens, bei welcher der Betroffene lernt, eine bestimmte Reaktion nur auf die Darbietung eines bestimmten Reizes zu zeigen.
Soziales Lernen (Modell-Lernen)
Das Prinzip des sozialen Lernens wurde von den US-amerikanischen Psychologen Neal Elgar Miller und John Dollard in ihrem 1941 veröffentlichten Buch „Social Learning and Imitation“ zunächst als Folge von Konditionierungsprozessen beschrieben.
Der kanadische Psychologe Albert Bandura baute auf diesen Untersuchungen auf und entwickelte in den sechziger Jahren die Theorie des sozialen Lernens (Modell-Lernen, auch „Lernen am Modell“ genannt. In dieser postulierte er, dass die Lernvorgänge alleine durch die Beobachtung von fremden Verhalten ausgelöst werden können.
Während Bandura als einer der ersten die Theorie des Modell-Lernens explizit veröffentlichte, findet man in der Historie der Verhaltenstherapie bereits deutlich frühere Berichte über den Einsatz des Modell-Lernens als Behandlungsmethode. So beschrieb bereits Mary Cover Jones in ihrem 1924 erschienen Artikel „A Laboratory Study of Fear: The Case of Peter“, dass sie zur Angstbehandlung des jungen Peter unter anderem auch mehrere „angstfreie“ Kinder einsetzte, die Peter die Annäherung an das angstbesetzte Objekt erleichtern sollten.
© Dr. Elze - PsychNet, Prien am Chiemsee / Rosenheim, www.Dr-Elze.de
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