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Psychodynamische Psychotherapie

Übersicht

Unter der Bezeichnung Psychodynamische Psychotherapie werden heute alle psychotherapeutischen Verfahren zusammengefasst, die den unbewusst ablaufenden Prozessen eine wichtige Bedeutung für das menschliche Erleben und Verhalten sowie für die Entstehung und Chronifizierung bestimmter seelischer Erkrankungen beimessen.

Neben der klassischen Psychoanalyse werden dazu u.a. die so genannte Neopsychoanalyse, die analytische Psychotherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Individualpsychologie gezählt. Neuere therapeutische Ansätze mit psychodynamischem bzw. tiefenpsychologischem Hintergrund sind u.a. die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie nach Luise Reddemann und die Transference-Focused-Psychotherapy (TFP) nach Otto F. Kernberg, John F. Clarkin und Frank E. Yeomans

Literatur (Psychodynamische Psychotherapie):

Margraf J, Rudolf G; Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie (2005). Stellungnahme zur Psychodynamischen Psychotherapie bei Erwachsenen. Dtsch Arztebl PP 4(1): 45-46. Zum Artikel >>

 

Erste Ansätze

Die  ersten Ansätze der tiefenpsychologischen und psychodynamischen Theorien wurden bereits Anfang des 18. Jahrhunderts entwickelt. Bereits Arthur Schopenhauer (1788-1860) beschrieb psychologische Beobachtungen hinsichtlich unbewusster Vorgänge. Auch die Philosophen Sören Kierkegaard (1813-1855) und Friedrich Nietzsche (1844-1900) betonten die Bedeutung unterbewusster Gefühle und Werte. 1869 veröffentlichte Eduard v. Hartmann (1842-1906) die „Philosophie des Unbewussten“.

 

Theorien und Modelle

Strukturelles Persönlichkeitsmodell

Das Strukturelle Persönlichkeitsmodell postuliert einen strukturellen Aufbau der Psyche aus drei Instanzen: Dem Über-Ich, dem Ich und dem Es.

Über-Ich

Als Über-Ich wird derjenige Teil der Psyche bezeichnet, der die Normen und Ideale eines Menschen beinhaltet. Eine Unterinstanz des Über-Ichs, dass sogenannte Ich-Ideal, umfasst die individuellen Wert- und Zielvorstellungen eines Menschen.

Es

Das Es umfasst demgegenüber die sogenannten Triebimpulse eines Menschen, also z.B. Emotionen wie Liebe und Hass.

Ich

Das Ich hat eine Vermittlerfunktion zwischen dem Über-Ich, dem Es und der Umwelt. Es muss dafür Sorge tragen, dass die Normen des Über-Ichs, die Emotionen des Es sowie die Erfordernisse der Umwelt in einem ausreichenden Gleichgewicht zueinander stehen.

Das Zusammenwirken dieser drei psychischen Instanzen läuft in weiten Bereichen unbewusst ab. „Störungen“ in diesem System können deswegen nach der psychoanalytischen Theorie bei den Betroffenen zu gesundheitlichen Problemen führen, ohne dass für die Betroffenen eine „Ursache“ dafür ersichtlich ist.

 

Primäres und sekundäres Bewusstsein / Condition seconde

Josef Breuer und Sigmund Freud führten in ihren „Studien über Hysterie“ (1895) die Begriffe des primären und sekundären Bewusstsein ein.

Primäres Bewusstsein

Als primäres Bewusstsein verstehen sie alle bewussten Tätigkeiten des Alltags.

Sekundäres Bewusstsein

In der Entstehung der Hysterie kommt es nach Freud und Breuer bei den Betroffenen zunächst zum wiederholten Auftreten eines vom Bewusstsein getrennten hypnoiden Zustandes, in dem verschiedene, von einander zunächst unabhängige, Vorstellungen entstehen. Diese Vorstellungen sind untereinander gut assoziierbar, mit dem primären Bewusstsein sind sie jedoch logisch nicht zu vereinen. Deswegen neigen diese Vorstellungen zur Abgrenzung vom primären Bewusstsein und zur zunehmenden Assoziation miteinander. Im Verlauf organisieren sie sich zunehmend und bilden schließlich das sogenannte sekundäre Bewusstsein. Der sekundäre Bewusstseinszustand ist eher ein Traumzustand, in dem insbesondere die Vernunft und das logische Denken eingeschränkt sind und dessen Überwiegen zum Auftreten von (Krankheits-)Symptomen führen kann.

Condition seconde

Üblicherweise befinden sich Menschen wechselseitig unter dem Einfluss beider Bewusstseinszustände. Falls bei einem Menschen der sekundäre Bewusstseinszustand überwiegt und zunehmend vom primären Bewusstsein getrennt wird, spricht man von einer Condition seconde.

Literatur (Primäres und sekundäres Bewusstsein):

Freud S, Breuer J (1895). Studien über Hysterie. Leipzig/Wien: Franz Deuticke.

 

Das Vorbewusste

Neben den bewussten und unbewussten Gedächtnisinhalten werden als weitere Kategorie die sogenannten vorbewussten Inhalte differenziert. Hierunter versteht man diejenigen Gedanken und Erinnerungen, die „vergessen“ sind und die z.B. bei entsprechenden äußeren Reizen wieder erinnert werden. Letzteres unterscheidet das Vorbewusste vom Unbewussten, dessen Inhalte zwar auch durch äußere Reize aktiviert werden können, jedoch ohne dann in die bewusste Erinnerung zu gelangen.

 

Primärprozess und Sekundärprozess

Unter Primärprozess (auch Primärvorgang) wird die Denk- und Erlebensweise des Kleinkindes verstanden. Diese wird mit dem älter werden vom sogenannten Sekundärprozess (bzw. Sekundärvorgang) abgelöst, unter dem in der psychoanalytischen Theorie ursprünglich die Denkweise des erwachsenen Mitteleuropäers im Wachzustand verstanden wurde.

Während das Denken im Sekundärprozess mehr oder weniger realitätsnah und strukturiert abläuft, unterliegt das Denken im Primärprozess einigen Besonderheiten, wie z.B. der Verdichtung und Verschiebung von Gedächtnisinhalten sowie der Freiheit von logischen, räumlichen oder zeitlichen Grenzen. Auch Erwachsene können z.B. im Traum die Denkweise des Primärprozesses (wieder-)erleben. Daneben kommt es bei verschiedenen Krankheiten wie z.B. Psychosen vor, dass die Betroffenen in die Denk- und Erlebensweise des Primärprozesses regredieren („Regression“) wodurch sich ihre Selbst- und Umweltwahrnehmung entsprechend verändern.

Das Denken unterliegt im Primärprozess vorrangig dem Ziel der Befriedigung der eigenen (Grund-)Bedürfnisse, es folgt dem sogenannten Lustprinzip. Im Sekundärprozess überwiegt demgegenüber (zumindest in der Theorie) das an die soziale und kulturelle Gemeinschaft angepasste Denken nach dem sogenannten Realitätsprinzip. Fließende Übergänge zwischen Sekundär- und Primärvorgang kennt vermutlich jeder Erwachsene aus diversen Situationen, in denen er sich „wie berauscht“ (z.B. durch Alkohol, „Liebe“, „Wut“ etc.) gefühlt hat. Im Unterschied zu den krankhaften Formen findet das Denken bei dieser „normalen“ Variante jedoch bei einer Änderung der äußeren Situation meist schnell in den Sekundärprozess zurück und man wird „von der Realität eingeholt…“.

 

Triebentwicklung

Nach der psychoanalytischen Theorie läuft die Entwicklung der triebhaften Bedürfnisse in mehreren Phasen ab.

  • Orale Phase (Geburt bis ca. Ende des 1. Lebensjahres)
  • Anale Phase (Ca. 2 bis 3. Lebensjahr)
  • Phallische bzw. ödipale Phase (Ca. 4. bis 5. Lebensjahr)
  • Phase der Triebruhe (Ca. 6. Lebensjahr bis zur Pubertät)
  • Pubertät

 

Konfliktmodell

Wenn zwei miteinander unvereinbare Impulse, Wünsche oder Bestrebungen aufeinander treffen, spricht man in der psychoanalytischen Theorie von einem Konflikt. Anna Freud postulierte eine Differenzierung in Äußere Konflikte (zwischen einem Individuum und seinen Umfeld), Innere Konflikte (zwischen einander widersprechenden eigenen Grundbedürfnissen) und Verinnerlichte Konflikte (zwischen widersprüchlichen internalisierten Einstellungen und Verhaltensweisen).

Die ersten Konflikte erlebt ein Mensch bereits als Säugling, wenn eigene Wünsche den Anliegen der Bezugspersonen widersprechen. Im Verlauf entwickelt das Kleinkind mit dem Älter werden zunehmend intrapsychische Konflikte, bei denen zwei eigene Wünsche und Bedürfnisse miteinander konkurrieren (z.B. der Wunsch, den Spielplatz zu erkunden gegen das Bedürfnis, nahe bei der auf der Bank sitzenden Mutter zu sein). Diese Konflikte gehören zur normalen Lebensentwicklung und sind an sich nicht pathologisch. Falls das Kleinkind jedoch durch bestimmte Bedingungen an der Entwicklung einer gesunden Konfliktlösung gehindert wird, können sich nach der psychoanalytischen Theorie pathologische Muster entwickeln:

Wenn ein Erwachsener einen aktuellen Konflikt erlebt, der (bewusst oder unbewusst) Parallelen mit Konflikten aus der Kindheit hat, kann dies zu einer Reaktivierung der infantilen Konflikte führen. Falls die infantilen Konflikte nicht ausreichend verarbeitet werden konnten, können sie beim Erwachsenen den aktuellen Konflikt beeinflussen und gegebenenfalls zum Auftreten einer neurotischen Störung führen. Diese Neurose wird im Konfliktmodell als reaktualisierter Entwicklungskonflikt verstanden.

 

Defizitmodell

Nach dem Defizitmodell besteht die Vorstellung, dass ein in der Kindheit erworbenes Entwicklungsdefizit bis in das Erwachsenenalter persistieren und dann verschiedene Symptome auslösen kann. Die Symptome können entweder als direkte Folge des Entwicklungsdefizites entstehen oder aber eine Ersatzbildung darstellen (die so genannte „Plombenfunktion“).

 

Traumamodell

Das Traumamodell postuliert, dass ein Entwicklungstrauma (z.B. durch sexuellen Missbrauch oder Misshandlungen) einen Risikofaktor für das Auftreten von Neurosen darstellt.
 

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Letzte Aktualisierung: Mittwoch, 16. Mai 2012

 

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