Wie kann ich Zwangsgedanken loswerden?
Viele Menschen mit Zwangsgedanken haben die Erfahrung gemacht, dass sich die Zwangsgedanken immer mehr verselbstständigen, und dass es sehr schwer ist, diese Gedanken wieder los zu werden. Die Zwangsgedanken können die Erkrankten so stark beeinflussen, dass sie in ihrem Denken so stark mit den Zwangsgedanken beschäftigt sind, dass kaum noch Raum für die üblichen Alltagstätigkeiten bleibt.
Bevor es darum gehen kann, wie man die Zwangsgedanken wieder loswerden kann, müssen wir zunächst unbedingt erst einmal betrachten, welche verschiedenen Arten von Zwangsgedanken es überhaupt gibt, denn danach unterscheidet sich auch die Therapie.
Und jetzt wird es kompliziert...:
In der Psychologie unterscheidet man so genannte Zwangsgedanken mit Stimulus-Charakter, Zwangsgedanken mit Reaktionscharakter sowie Gedanken mit Zwangscharakter im Rahmen anderer seelischen Erkrankungen. Zusätzlich gibt es auch einige körperliche Erkrankungen, die Zwangsgedanken hervorrufen können.
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© Dr. Elze - PsychNet, Prien am Chiemsee / Rosenheim, www.Dr-Elze.de
Zwangsgedanken mit Stimulus-Charakter
Der Unterschied zwischen den so genannte Zwangsgedanken mit Stimulus-Charakter und den Zwangsgedanken mit Reaktionscharakter ist folgender: Zwangsgedanken mit Stimulus-Charakter führen bei den Betroffenen zu einem Anstieg der Anspannung. Die Gedanken selbst sind also der Zwang, der behandelt werden muss.
Zwangsgedanken mit Reaktionscharakter führen demgegenüber zumindest kurzfristig zu einer Reduktion der Anspannung (siehe unten).
In der Therapie der Zwangsgedanken mit Stimulus-Charakter hat sich inzwischen vorrangig die so genannte kognitiv-behaviorale Therapie, auch Verhaltenstherapie genannt, durchgesetzt. Mehr dazu finden Sie im Kapitel Fachinformation: Zwangsstörungen.
Parallel können viele Betroffene von einer medikamentösen Behandlung profitieren. Dabei werden insbesondere die so genannten Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) eingesetzt. In Deutschland sind unter anderem die SSRI Fluoxetin, Fluvoxamin, Escitalopram und Paroxetin zur medikamentösen Behandlung der Zwangsstörung zugelassen. Dabei ist zu beachten, dass die Dosierung dieser Medikamente bei schweren Zwangserkrankungen häufig höher liegen muss als in der Depressionsbehandlung.
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Zwangsgedanken mit Reaktionscharakter
Zwangsgedanken mit Reaktionscharakter führen demgegenüber zu einer Reduktion der Anspannung. Diese Zwangsgedanken werden von den Betroffenen unbewusst oder bewusst zur “Neutralisierung” von anderen, “bedrohlicheren” Zwangsimpulsen eingesetzt.
Die Zwangsgedanken mit Reaktionscharakter sollen also andere Zwänge neutralisieren beziehungsweise ungeschehen machen. Ein Beispiel dafür ist z.B. der Zählzwang, bei dem die Betroffenen versuchen, durch ein andauerndes Zählen oder Aneinanderreihen von Zahlen in einer bestimmten Systematik (z.B. Zählen in Dreierschritten), andere, noch unangenehmere Zwänge und Befürchtungen zu bewältigen.
Dazu ein Beispiel: Ein Zwangspatient hat zum Beispiel den Zwang, dass er immer wieder kontrollieren muss, dass niemandem in seiner Familie etwas passiert ist. Da dieser Zwang für ihn natürlich sehr belastend ist, versucht er (unbewusst) eine Lösung aus dem Zwang zu finden. Da es ihm aus naheliegenden Gründen unmöglich ist, im realen Leben eine dauerhafte Sicherheit für seine Familienmitglieder zu erreichen, weicht er (wieder unbewusst) auf die Zwangsgedanken aus: “Wenn ich immer drei und drei addiere, und zum Ergebnis immer wieder drei dazu addiere, passiert meiner Familie nichts!” Dies mag sich für einen Außenstehenden vielleicht unlogisch anhören, doch Zwangsgedanken entwickeln eine eigene Logik, die nichts mehr mit der Realität zu tun haben müssen, welche die Betroffenen vor ihrer Zwangserkrankung gekannt haben.
Dies macht für die Behandlung einen wichtigen Unterschied: Die Zwangsgedanken mit Reaktionscharakter sind nur eine Reaktion auf einen anderen Zwang - es müssen also die zu Grunde liegenden Zwänge herausgefunden und bearbeitet werden.
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Gedanken mit Zwangscharakter bei anderen seelischen Erkrankungen
Neben den Zwangstörungen gibt es auch verschieden andere seelische Erkrankungen, die mit Zwängen einhergehen können. Dazu ein typischer Bericht eines Zwangspatienten: “Und neben meinen Zähl- und Waschzwängen leide ich auch noch unter den Zwangsgedanken, dass mich alle anderen Menschen überkritisch beurteilen und dass ich immer alles falsch mache.”
Vorsicht! Die letzten beiden Befürchtungen, die dieser Zwangspatient berichtet hat, können Zwänge sein, es kann sich aber auch zum Beispiel um soziale Ängste im Rahmen einer Sozialen Phobie, oder um pessimistische Befürchtungen im Rahmen einer Depression handeln. Diese feinen aber wichtigen Unterschiede werden meistens nur nach einer intensiven Beurteilung durch einen entsprechend spezialisierten Arzt oder Psychologen herausgefunden. Für die Behandlung ergeben sich dadurch jedoch große Unterschied. Falls es sich zum Beispiel um belastende Gedanken im Rahmen einer sozialen Phobie handelt, müssen die Betroffenen zum Beispiel üben, wie sie ihre sozialen Ängste überwinden können, Zwangsprotokolle und ähnliches helfen in diesem Fall wenig.
Neben den Depressionen und den Angsterkrankungen gibt es noch verschiedene andere seelische Erkrankungen, die mit Zwängen einhergehen können. Relativ häufig ist zum Beispiel die so genannte Zwanghafte Persönlichkeitsstörung, die mit einem hohen Grad an Perfektionismus, übergroßer Gewissenhaftigkeit und ständigen Kontrollen einhergeht. Bei dieser Erkrankung geht es in der Therapie unter anderem darum, wie es die Betroffenen wieder schaffen, mehr Gelassenheit in ihren Lebensalltag zu bekommen.
Zwänge können auch bei der so genannten hypochondrischen Störung auftreten, bei der die Erkrankten unter dauernden Krankheitssorgen leiden. Auch die schizophrenen Erkrankungen und die so genannte Körperdysmorphe Störung können mit Zwängen einhergehen. Ein großer Unterschied der weiter oben beschrieben Zwangsgedanken zu den letzt genannten Erkrankungen ist, dass sich die Erkrankten bei einer Zwangsstörung meistens bewusst darüber sind, dass ihre Zwänge zwar eine kurzfristige Reduktion der Anspannung bringen können, dass die Zwänge aber langfristig keine realistische Lösung der Grundproblematik sind. Im Gegensatz dazu sind die Erkrankten zum Beispiel bei der Schizophrenie, bei der sie in einem Wahn ebenfalls Zwangssymptome entwickeln können, von der Richtigkeit und der Notwendigkeit des Zwänge sozusagen hunderprozentig überzeugt.
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Zwangsgedanken bei körperlichen Erkrankungen
Es gibt verschiedene neurologische Erkrankungen, die zum Auftreten von Zwängen führen können. Dabei handelt es sich zumeist um Erkrankungen, die mit einer Schädigung einer bestimmten Region im Gehirn, den so genannten Basalganglien, einhergehen. Dazu gehören zum Beispiel die Chorea minor und das Tourette-Syndrom. Auch nach Verletzungen des Gehirns, zum Beispiel nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma, können in einigen Fällen Zwangssymptome auftreten.
Diese Erkrankungen gehen aber neben den Zwängen auch mit anderen neurologischen Veränderungen einher, so dass ein Arzt bzw. Neurologe den Unterschied zwischen diesen Erkrankungen und einer Zwangsstörung sehr genau herausfinden kann. Falls beim erstmaligen Auftreten von Zwängen der Verdacht auf eine der eben genannten Erkrankungen besteht, sollte deswegen ergänzend auch eine neurologische Untersuchung erfolgen, denn bei der Behandlung der letztgenannten Erkrankungen würde zunächst einmal die Therapie der neurologischen Grundkrankheiten im Vordergrund stehen.
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Das Fazit: Wie werde ich meine Zwangsgedanken los?
Sie merken schon, am besten nicht alleine! Bitten Sie ihren Hausarzt, dass er sie zu einem erfahrenen Psychiater und zu einem Psychotherapeuten überweist. Dies ist für Sie zwar zunächst etwas aufwändig, aber bevor die Behandlung der Zwangsgedanken wirklich beginnen kann, müssen Sie zunächst einmal zusammen mit den Ärzten herausbekommen, welche Art von Zwängen überhaupt bestehen, welche seelischen Beeinträchtigungen vielleicht neben den Zwängen auch in der Therapie beachtet werden müssten, und welche Erkrankungen hoffentlich nicht bestehen.
Dies braucht zwar alles Zeit, aber die richtige Diagnose muss einfach am Anfang der Behandlung stehen, damit Sie nicht lange am “falschen” Punkt arbeiten, ohne dass sie Erfolge erzielen. Und wenn Sie es mit der Zeit vergleichen, die Ihnen die Zwangsgedanken im Alltag “stehlen”, dann sind die Arztbesuche zum Glück nur ein kleiner Bruchteil davon.
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...und wie lange dauert das Ganze??
Eine sehr berechtigte Frage, aber leider nur schwer zu beantworten, da jeder Mensch und jede Zwangssymptomatik unterschiedlich sind. Wenn Sie sich vorstellen, wie lange Ihre Zwangsgedanken Zeit hatten, sich in Ihrem Gehirn “festzusetzen”, können Sie sich sicher vorstellen, dass es nicht unbedingt einfach ist, die Zwänge wieder los zu werden.
Viele Menschen bemerken eine erste Besserung, nachdem sie die oben genannten Medikamente über einige Wochen bis Monate eingenommen haben. Dies kann schon einmal eine erste Erleichterung bringen und den Alltag wieder etwas einfacher machen. Nun kommt der nächste, schwierigere Schritt: Im Rahmen einer Psychotherapie versuchen, die Zwänge so weit in den Griff zu bekommen, dass vielleicht langfristig gar keine Medikamente mehr notwendig sind.
Die Psychotherapie braucht jedoch Zeit: Sie werden mit Ihrer Psychotherapeutin / Ihrem Psychotherapeuten ausführlich die Ursachen für die Zwänge erarbeiten, Sie werden lernen, wie Sie auch ohne die Zwangsgedanken leben können, und wie Sie die Befürchtungen, die mit den Zwängen einhergehen, bewältigen können. Zum Glück sind Sie keine Maschine, die man einfach umprogrammieren könnte. Die Zwangstherapie braucht deswegen Zeit: Zeit, bis sich das Leben ohne die Zwänge wirklich wieder “normal” anfühlt. Zeit, bis sich die Veränderungen wirklich fest in Ihrem Alltag durchgesetzt haben. Zeit, bis sich die Erinnerungen an die Zwangsgedanken nur noch wie ein böser Traum anfühlen.
Sie merken schon, wir sprechen eher von Monaten und Jahren, statt von Tagen und Wochen. Dies heißt aber nicht, dass Sie die nächsten Jahre jeden Tag zum Therapeuten gehen müssen. Die Psychotherapeuten werden mit Ihnen vielmehr zu Beginn der Therapie in wöchentlichen Sitzungen die wichtigsten Grundlagen der Zwangstherapie erarbeiten. Im weiteren Verlauf geht es dann vorrangig darum, dass Sie zunehmend auch selbstständig ausprobieren können, das in der Therapie erarbeitete im Alltag einzusetzen. In den Sitzungen mit Ihren Therapeuten werden Sie dann vorrangig noch besprechen, wo es vielleicht im Alltag noch Probleme gegeben hat, und was sie vielleicht noch verändern könnten. Die Psychotherapie wird dann in immer größeren Abständen stattfinden, damit Sie zunehmend lernen, dass Sie SELBST die Zwänge beherrschen können, mit ihren eigenen Kräften und Ressourcen.
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Bücher zum Thema Zwangsgedanken
Ratgeber für Betroffene und Angehörige
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